Trans­for­ma­ti­ons­for­schung

Ge­mein­sam auf dem Weg

Das Motiv ist klar: Wir wol­len unser Klima schüt­zen. Dafür gibt es eine brei­te Mehr­heit in der Be­völ­ke­rung. Doch wie sieht es aus, wenn es um kon­kre­te Um­set­zun­gen und Maß­nah­men vor Ort geht? Hier kann die Trans­for­ma­ti­ons­for­schung hel­fen, Lö­sun­gen zu ent­wi­ckeln, die eine brei­te Zu­stim­mung fin­den.
Für einen er­folg­rei­chen Wan­del hin zur En­er­gie­welt von mor­gen braucht es Er­folg in vie­len und ganz un­ter­schied­li­chen Di­men­sio­nen. Na­tür­lich geht es um tech­no­lo­gi­sche Neue­run­gen und um For­schung zur wei­te­ren Op­ti­mie­rung ein­zel­ner Kom­po­nen­ten und gan­zer Pro­zes­se. Na­tür­lich geht es um in­dus­tri­el­le Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se und um po­li­ti­sche Stra­te­gien und Rah­men­be­din­gun­gen. Aber zu einem sehr gro­ßen An­teil geht es bei der Trans­for­ma­ti­on des En­er­gie­sys­tems auch um die ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz, um das Mitmachen-​wollen und um den Wil­len, mit ei­ge­nen Hand­lun­gen und In­itia­ti­ven das Ziel Kli­ma­schutz zu er­mög­li­chen.
Die En­er­gie­wen­de wird in der Ge­sell­schaft im Grun­de un­ter­stützt: Mei­nungs­um­fra­gen zei­gen, dass zum Bei­spiel die Nut­zung er­neu­er­ba­rer En­er­gien eine brei­te Zu­stim­mung fin­det. Den­noch ge­ra­ten die Ent­wick­lun­gen ins Sto­cken, wenn es darum geht, Stand­or­te für An­la­gen wie Wind­rä­der zu fin­den oder kon­kre­te Pro­jek­te vor Ort zu rea­li­sie­ren. Der so wich­ti­gen ge­sell­schaft­li­chen Ak­zep­tanz für die En­er­gie­wen­de als Gan­zes steht häu­fig eine zum Teil eher ge­rin­ge Un­ter­stüt­zung für die kon­kre­te Um­set­zung der En­er­gie­wen­de vor Ort ge­gen­über. 

 

4 Grup­pen
Zah­len bitte

Tans­for­ma­ti­on und so­zia­le In­no­va­tio­nen für das En­er­gie­sys­tem der Zu­kunft und für den Kli­ma­schutz funk­tio­nie­ren, wenn vier Per­so­nen­grup­pen zu­sam­men­ar­bei­ten: Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler, Fach­leu­te aus Wirt­schaft und In­dus­trie, Per­so­nen aus dem öf­fent­li­chen Sek­tor und der Ver­wal­tung sowie Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Ge­mein­sam und aus den un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven her­aus ent­ste­hen gute Ideen für die En­er­gie­welt von mor­gen.

© Ro­bert Kneschke – stock.adobe.com
Die Trans­for­ma­ti­ons­for­schung nutzt die Po­ten­tia­le einer themen-​ und bran­chen­über­grei­fen­den Zu­sam­men­ar­beit unter Ein­be­zie­hung mög­lichst vie­ler Per­spek­ti­ven.

For­schung für und mit der Ge­sell­schaft 

Diese Dif­fe­ren­zen auf­zu­lö­sen und die un­ter­schied­li­chen ge­sell­schaft­li­chen Ak­teu­re für das ge­mein­sa­me Ziel Kli­ma­schutz zu ge­win­nen, ist eine der zen­tra­len Her­aus­for­de­run­gen für die kom­men­den Jahre. Um die­ses Ziel zu er­rei­chen, wer­den zum Bei­spiel die Mög­lich­kei­ten für Bür­ger­be­tei­li­gun­gen aus­ge­baut. Die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sol­len früh­zei­tig in Pla­nungs­pro­zes­se ein­be­zo­gen wer­den. Auch fi­nan­zi­el­le An­rei­ze sind im Ge­spräch. Denk­ba­re Mo­del­le sind eine di­rek­te fi­nan­zi­el­le Be­tei­li­gung am In­vest­ment von Wind­kraft­an­la­gen oder die Ver­wen­dung eines Teils der Ein­nah­men für so­zia­le Zwe­cke vor Ort.
Trans­for­ma­ti­ons­for­schung ist die Wis­sen­schaft, die sich mit Ver­än­de­run­gen und Um­brü­chen in der Ge­sell­schaft be­fasst. Ihr Stre­ben ist es, ein bes­se­res Ver­ständ­nis über die Sys­tem­ei­gen­schaf­ten zu ge­win­nen, Kon­zep­te und Vi­sio­nen für die Zu­kunft ab­zu­lei­ten und reale Ver­än­de­rungs­pro­zes­se zu er­for­schen. In der Trans­for­ma­ti­ons­for­schung wird über­grei­fend zu­sam­men­ge­ar­bei­tet: Die Grup­pe derer, die sich mit den ge­sell­schaft­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen be­schäf­tigt, be­steht nicht nur aus Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern un­ter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen, son­dern zum Bei­spiel auch aus Per­so­nen, die In­dus­trien und Un­ter­neh­men ver­tre­ten, sowie aus Bür­ge­rin­nen und Bür­gern. Durch diese he­te­ro­ge­ne Zu­sam­men­set­zung und die un­ter­schied­li­che Per­spek­ti­ve, mit der jedes Team­mit­glied auf die Fra­ge­stel­lung blickt, wird pra­xis­na­hes und hand­lungs­ori­en­tier­tes Wis­sen er­zeugt. Auf die­ser Basis kön­nen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se – wie die Trans­for­ma­ti­on hin zu einer kli­ma­neu­tra­len Welt 2050 – be­schleu­nigt und lang­fris­tig sta­bil ge­stal­tet wer­den.

Im Kern der Trans­for­ma­ti­ons­for­schung geht es darum, alle ge­sell­schaft­li­chen Ak­teu­re glei­cher­ma­ßen zu adres­sie­ren, die je­wei­li­gen Per­spek­ti­ven und Prä­fe­ren­zen zu er­fas­sen, Ge­mein­sam­kei­ten oder Un­ter­schie­de zum Bei­spiel bei der Ein­schät­zung von Tech­no­lo­gien her­aus­zu­ar­bei­ten und Trans­for­ma­ti­ons­pfa­de zu ana­ly­sie­ren. So ge­lingt es, Dis­kre­pan­zen in der Wahr­neh­mung oder in der Be­wer­tung auf­zu­de­cken, Kon­flikt­li­ni­en früh­zei­tig zu er­ken­nen – und dar­auf auf­bau­end Lö­sungs­kor­ri­do­re zu ent­wi­ckeln, die eine brei­te Zu­stim­mung und Un­ter­stüt­zung aller Be­tei­lig­ten er­fah­ren.

In­ter­view mit Prof. Dr. Jür­gen Ho­waldt und Jür­gen Schultz
„Die Men­schen sol­len ihre Zu­kunft aktiv mit­ge­stal­ten kön­nen“

© PtJ/A. Köb­ler
Prof. Dr. Jür­gen Ho­waldt ist Di­rek­tor der So­zi­al­for­schungs­stel­le der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Dort­mund. Dort er­forscht er den Zu­sam­men­hang von so­zia­len In­no­va­tio­nen und ge­sell­schaft­li­chem Wan­del. Wei­te­re Schwer­punk­te sind Wis­sens­ma­nage­ment und mo­der­ne Kon­zep­te der Organisations-​ und Ar­beits­ge­stal­tung (rechts im Bild). Jür­gen Schult­ze ist eben­falls für die So­zi­al­for­schungs­stel­le in Dort­mund tätig. Er ko­or­di­niert den For­schungs­be­reich „Trans­for­ma­ti­ve Go­ver­nan­ce in Stadt und Re­gi­on“, forscht zu so­zia­len In­no­va­tio­nen und för­dert In­no­va­ti­ons­dia­lo­ge zu Kli­ma­an­pas­sung und nach­hal­ti­ger Pro­duk­ti­on.

Mit der En­er­gie­wen­de er­le­ben wir heute einen tief­grei­fen­den Um­bruch. Ein an­de­rer, ähn­lich trief­grei­fen­der Um­bruch hat be­reits im 18. Jahr­hun­dert statt­ge­fun­den: die In­dus­tria­li­sie­rung. Was ist der Un­ter­schied zwi­schen die­sen bei­den Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen?

Ho­waldt: Wäh­rend der In­dus­tria­li­sie­rung ent­wi­ckel­ten sich nicht nur neue tech­no­lo­gi­sche Pro­zes­se, son­dern auch ganz neue Organisations-​ und Le­bens­for­men. Diese ‚große‘ Trans­for­ma­ti­on im 18. Jahr­hun­dert war si­cher noch um­fas­sen­der als die En­er­gie­wen­de heute. Es gibt aber noch einen an­de­ren wich­ti­gen Un­ter­schied: Wir sehen heute, dass un­se­re Le­bens­wei­se zu einer Reihe von öko­lo­gi­schen und so­zia­len Pro­ble­men führt. Des­halb dis­ku­tie­ren wir über den not­wen­di­gen Wan­del zu einer nach­hal­ti­ge­ren Ge­sell­schaft und Wirt­schaft. Die­ser Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess muss ge­mein­sam ge­stal­tet wer­den – ohne dass je­doch ein funk­tio­nie­ren­des Vor­bild exis­tiert, an dem wir uns ori­en­tie­ren könn­ten. Das ist ein­ma­lig in der Ge­schich­te.

Schult­ze: An­ders als in der In­dus­tria­li­sie­rung kön­nen wir heute auf viele gute, be­reits exis­tie­ren­de Tech­no­lo­gien und auch Ver­hal­tens­wei­sen auf­bau­en. Bei der En­er­gie­wen­de wird es des­halb auch darum gehen, die tech­no­lo­gi­schen Sys­te­me neu zu kom­bi­nie­ren und in eine neue Ge­sell­schaft zu trans­fe­rie­ren – auf so­zi­al ge­rech­te Art und Weise. Auch das ist na­tür­lich ein we­sent­li­cher Un­ter­schied zu der In­dus­tria­li­sie­rung.

So eine ge­steu­er­te Trans­for­ma­ti­on ist eine große Her­aus­for­de­rung. Und ge­nau­so her­aus­for­dernd ist das ge­plan­te Zeit­fens­ter.

Ho­waldt: Wie und wie schnell eine Trans­for­ma­ti­on statt­fin­det, hängt auch stark davon ab, in wel­chem Land der Erde man sich be­fin­det. Denn Ge­schwin­dig­keit ist auch eine Frage der Kul­tur. Einen star­ken Ein­fluss hat na­tür­lich die Po­li­tik. So kann zum Bei­spiel eine kon­se­quen­te En­er­gie­po­li­tik viel be­we­gen. Gleich­zei­tig ist es wich­tig, die rich­ti­ge Ba­lan­ce zu fin­den zwi­schen Po­li­tik und so­zia­len Pro­zes­sen. Denn die En­er­gie­wen­de ist nicht nur eine wirt­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­on, son­dern eben auch ein men­ta­ler und damit ein so­zia­ler Pro­zess, der die Ein­bin­dung der gan­zen Ge­sell­schaft er­for­dert.

In Nordrhein-​Westfalen sind Wohl­stand und Iden­ti­tät der Men­schen tra­di­tio­nell sehr eng mit der Kohle ver­bun­den. Be­ein­flusst das den Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess der En­er­gie­wen­de hier im Land?

Schult­ze: Na­tür­lich, Trans­for­ma­ti­on ist auch eine Men­ta­li­täts­fra­ge. Eine Iden­ti­täts­fra­ge. Kohle und Stahl spiel­ten eine tra­gen­de Rolle in Nordrhein-​Westfalen, die Ar­beit in den Ze­chen präg­te das Leben und die Ge­sell­schaft. So ent­stand in den Städ­ten des Ruhr­ge­biets der sprich­wört­li­che, star­ke so­zia­le Zu­sam­men­halt, der auch heute noch spür­bar ist. Wenn es ge­lingt, die­sen Zu­sam­men­halt in die neuen Zei­ten hin­ein wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, kann das der Weg zu einer neuen Kul­tur sein, in der Nordrhein-​Westfalen ein neues Selbst­bild ent­wi­ckelt.

Im Zuge des Struk­tur­wan­dels sind in den letz­ten Jah­ren viele tau­send Ar­beits­plät­ze in Nordrhein-​Westfalen ent­stan­den. Ab­so­lut zu­kunfts­fä­hi­ge Ar­beits­plät­ze. Zum Bei­spiel wird jedes zwei­te Ge­trie­be für die Wind­ener­gie in Nordrhein-​Westfalen pro­du­ziert. Sol­che Schlüs­sel­in­dus­trien, von denen viele hier im Land an­ge­sie­delt sind, kön­nen eben­falls zu einem wei­ter­ent­wi­ckel­ten Selbst­ver­ständ­nis der Men­schen in Nordrhein-​Westfalen bei­tra­gen.

Kön­nen zu die­ser Wei­ter­ent­wick­lung auch so­zia­le In­no­va­tio­nen bei­tra­gen?

Ho­waldt: Wenn wir Be­grif­fe wie En­er­gie­wen­de oder Ver­kehrs­wen­de be­nut­zen, den­ken wir immer noch zu sehr über Tech­no­lo­gien nach und zu wenig über die Ver­än­de­rung von Le­bens­wei­sen, von so­zia­len Prak­ti­ken, die eine ganz große Rolle spie­len. Ohne so­zia­le In­no­va­tio­nen wird es keine nach­hal­ti­gen ge­sell­schaft­li­chen Struk­tu­ren geben.

Schult­ze: Das Erneuerbare-​Energien-Gesetz hat sich zum Bei­spiel aus so­zia­len In­no­va­tio­nen ent­wi­ckelt. Be­reits in den 70er und 80er Jah­ren gab es Kom­mu­nen, die lo­ka­le En­er­gie­ver­sor­gungs­sys­te­me auf­bau­ten – und damit Al­ter­na­ti­ven zu Atom- und Koh­le­kraft­wer­ken auf­zeig­ten. Diese Al­ter­na­ti­ven wur­den vor­an­ge­trie­ben und ge­för­dert, und mün­de­ten schließ­lich im Erneuerbare-​Energien-Gesetz, das Tech­no­lo­gien jen­seits von Kohle-​ und Atom­ener­gie eine Chan­ce gab. Durch die im Ge­setz vor­ge­se­he­ne Ein­spei­se­ver­gü­tung wurde die Wind­ener­gie schließ­lich in­dus­tria­li­siert: Es war nicht mehr nur der Bauer, der mit einem ein­zel­nen Wind­rad Strom er­zeug­te und ins Netz ein­ge­speis­te, son­dern es wur­den nun große An­la­gen ent­wi­ckelt, onshore wie off­shore, die heute ganz an­de­re Di­men­sio­nen an Leis­tung und En­er­gie­ef­fi­zi­enz er­öff­nen.

Gibt es Grund­vor­aus­set­zun­gen, die er­füllt sein müs­sen, damit so­zia­le In­no­va­tio­nen ent­ste­hen kön­nen?

Ho­waldt: So­zia­le In­no­va­tio­nen ent­ste­hen in der Ge­sell­schaft täg­lich und über­all. Es geht jetzt vor allem darum, die­je­ni­gen so­zia­len In­no­va­tio­nen zu för­dern und zu ver­brei­ten, die un­se­re Ge­sell­schaft nach­hal­ti­ger ma­chen und uns hel­fen, die gro­ßen ge­sell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen zu be­wäl­ti­gen. Ein gro­ßes und noch un­ge­nutz­tes Po­ten­zi­al liegt bei den Uni­ver­si­tä­ten: Dort wur­den weit­rei­chen­de Struk­tu­ren auf­ge­baut, um in Ko­ope­ra­ti­on mit der Wirt­schaft an tech­no­lo­gi­schen In­no­va­tio­nen zu ar­bei­ten. Für so­zia­le In­no­va­tio­nen sind ähn­li­che Struk­tu­ren für die Ko­ope­ra­tio­nen zwi­schen Uni­ver­si­tä­ten und Zi­vil­ge­sell­schaft denk­bar. So könn­ten Ideen aus der Zi­vil­ge­sell­schaft von der For­schung, von der Wirt­schaft und schließ­lich auch vom Ge­setz­ge­ber schnel­ler auf­ge­grif­fen und um­ge­setzt wer­den. Die­ses Zu­sam­men­spiel zu be­schleu­ni­gen, wäre si­cher eine Grund­vor­aus­set­zung, um die Wir­kungs­kraft so­zia­ler In­no­va­tio­nen zu er­hö­hen.

So­zia­le In­no­va­ti­on

Wenn wir über In­no­va­tio­nen spre­chen, dann den­ken wir meist an tech­no­lo­gi­sche Neue­run­gen. In­no­va­ti­on be­deu­tet aber auch, neue For­men zu ent­wi­ckeln, wie wir unser Leben or­ga­ni­sie­ren. Und hier kom­men häu­fig die in­no­va­tivs­ten Ideen von Men­schen, die sich be­ruf­lich gar nicht mit In­no­va­tio­nen be­fas­sen: von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern, die die Dinge ein­fach an­ders an­ge­hen als an­de­re. Die zum Bei­spiel kein ei­ge­nes Auto be­sit­zen, son­dern sich eines tei­len – und da­durch die Car-​Sharing-Bewegung ins Leben rufen. Sol­che In­no­va­tio­nen kom­men mit­ten aus der Ge­sell­schaft und wer­den daher „so­zia­le In­no­va­tio­nen“ ge­nannt. Sie kön­nen auch als neue so­zia­le Prak­ti­ken ver­stan­den wer­den.

In der Trans­for­ma­ti­ons­for­schung wer­den so­zia­le In­no­va­tio­nen ge­zielt ge­för­dert und ge­nutzt. Denn das Zu­sam­men­spiel aus tech­no­lo­gi­schen und so­zia­len In­no­va­tio­nen ist ein Er­folgs­re­zept.

Wel­che Vi­si­on haben Sie dies­be­züg­lich?

Ho­waldt: Die In­no­va­ti­ons­po­li­tik soll­te sich nicht nur nach dem wirt­schaft­li­chen Er­folg, son­dern auch nach ge­sell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen aus­rich­ten. In­no­va­tio­nen könn­ten nach ihrem Ent­wick­lungs­ziel und Nach­hal­tig­keits­ge­halt se­lek­tiert wer­den. Un­se­re Vi­si­on sind groß­an­ge­leg­te För­der­pro­gram­me und so­zia­le In­no­va­ti­ons­zen­tren, die die Ge­sell­schaft dabei un­ter­stüt­zen, ihr in­no­va­ti­ves Po­ten­zi­al zu nut­zen – in ähn­li­chen Di­men­sio­nen wie dies im Tech­no­lo­gie­be­reich be­reits seit Jahr­zehn­ten üb­lich ist.

Schult­ze: So­zia­le In­no­va­ti­ons­zen­tren be­deu­ten auch Kon­sens­bil­dung, bei­spiels­wei­se zwi­schen gro­ßen En­er­gie­kon­zer­nen und klei­nen al­ter­na­ti­ven Lö­sun­gen. Im Zu­sam­men­spiel aus Wirt­schaft und klei­nen In­itia­ti­ven kön­nen neue Ge­schäfts­mo­del­le ent­wi­ckelt wer­den – und gleich­zei­tig ein neues Mo­dell des Zu­sam­men­le­bens.

Ist die Ge­sell­schaft be­reit für eine sol­che Zu­sam­men­ar­beit?

Ho­waldt: Be­reit­schaft und Mo­ti­va­ti­on sind da. Die Frage ist viel­mehr, ob wir Wis­sen­schaft­ler eine um­fas­sen­de Be­tei­li­gung von Ak­teu­ren aus an­de­ren ge­sell­schaft­li­chen Be­rei­chen zu­las­sen. Tra­di­tio­nell sieht sich die Wis­sen­schaft eher in der Rolle, In­no­va­tio­nen in die Ge­sell­schaft zu tra­gen (die dann al­ler­dings oft­mals nicht an­ge­nom­men wer­den). Da­ge­gen ent­wi­ckeln nach un­se­rem Ver­ständ­nis Wis­sen­schaft und Ge­sell­schaft ge­mein­sam In­no­va­tio­nen. Pro­jek­te nach die­sem Ver­ständ­nis gibt es fast in allen Re­gio­nen der Erde. Zum Bei­spiel ab­sol­vie­ren in vie­len Län­dern La­tein­ame­ri­kas Stu­den­ten im Rah­men ihres Stu­di­ums ein Prak­ti­kum in einer Kom­mu­ne. Ju­ra­stu­den­ten bie­ten Rechts­be­ra­tun­gen an, Stu­den­ten der Be­triebs­wirt­schaft kön­nen beim Er­stel­len eines Busi­ness­plans un­ter­stüt­zen. Ge­sell­schaft und Hoch­schu­len wer­den auf diese Weise eng mit­ein­an­der ver­kop­pelt – ohne dass ihre Leis­tungs­fä­hig­keit ab­nimmt.

Schult­ze: Dabei geht es auch ins­be­son­de­re um den ak­ti­ven Teil: Die Men­schen sol­len ihre ei­ge­ne Zu­kunft aktiv mit­ge­stal­ten kön­nen!

Was ver­birgt sich hin­ter der Idee der Be­fä­hi­gung?

Ho­waldt: Be­fä­hi­gung ist ein ganz wich­ti­ges Thema und wird in der For­schung zu so­zia­len In­no­va­tio­nen häu­fig mit dem Be­griff „Em­power­ment“ um­schrie­ben. Em­power­ment lässt sich am Kon­zept des „So­cial En­tre­pre­neurship“ gut er­klä­ren: Men­schen in Armut sol­len nicht lang­fris­tig auf staat­li­che Gel­der an­ge­wie­sen sein, son­dern sie wer­den darin un­ter­stützt, Ideen zu ent­wi­ckeln und ihre Fä­hig­kei­ten und Kom­pe­ten­zen zu nut­zen, um sich selbst aus der Armut zu be­frei­en. „Wir geben den Men­schen nicht die Fi­sche, son­dern das Netz, damit sie sel­ber fi­schen kön­nen.“ So brach­te es eine bra­si­lia­ni­sche Kol­le­gin auf den Punkt. Im Zu­sam­men­hang mit so­zia­len In­no­va­tio­nen be­deu­tet Em­power­ment, die Men­schen – ins­be­son­de­re auch die, die so­zi­al am Rand der Ge­sell­schaft ste­hen – mit Kom­pe­ten­zen aus­zu­stat­ten. Aber auch mit Mo­ti­va­ti­on und dem Ge­fühl, ei­ge­ne Ideen ent­wi­ckeln und etwas be­we­gen zu kön­nen.

Schult­ze: Das ge­mein­sa­me Ar­bei­ten an einer Vi­si­on ist dafür sehr wich­tig. Es geht also nicht darum, die Men­schen für die Stra­te­gie des Wirt­schafts­un­ter­neh­mens XY zu mo­ti­vie­ren und Ak­zep­tanz zu schaf­fen. Viel­mehr möch­te man die Ge­sell­schaft eman­zi­piert vor­an­brin­gen. Die Rich­tung wird durch die Vi­si­on vor­ge­ge­ben. Die Vi­si­on ist ein gutes Leben in einer neuen Welt. Und das Em­power­ment nimmt den Men­schen die Angst, Be­stehen­des zu ver­lie­ren und mit ge­wohn­ten Ver­hal­tens­wei­sen zu bre­chen. Die ei­ge­ne Welt an­ders grei­fen zu kön­nen, auch das ist eine Form von Em­power­ment.

Kann Em­power­ment auch Rebound-​Effekten vor­beu­gen?

Schult­ze: Ge­ra­de be­züg­lich Rebound-​Effekten möch­te ich die These auf­stel­len, dass tech­no­lo­gi­sche In­no­va­tio­nen al­lei­ne in eine Sack­gas­se füh­ren. Wenn ich zum Bei­spiel durch eine neue Wär­me­däm­mung im Haus En­er­gie spare und da­durch jeden Monat 50 Euro zu­rück­le­gen kann, dann aber am Ende des Jah­res von dem ge­spar­ten Geld nach Bang­kok flie­ge, ist nichts ge­won­nen. Und genau das be­deu­tet Rebound-​Effekt: Durch tech­no­lo­gi­sche In­no­va­tio­nen er­ziel­te Ein­spa­run­gen wer­den (über-)kom­pen­siert durch stei­gen­des Kon­sum­ver­hal­ten. Sol­che Rebound-​Effekte las­sen sich nur durch die Ver­än­de­rung so­zia­ler Prak­ti­ken ver­mei­den. Und tat­säch­lich las­sen sich so­zia­le Prak­ti­ken auch mit der Frage „Was macht mich glück­lich?“ ver­knüp­fen. Ist es wirk­lich der Flug nach Bang­kok? Wir als Wis­sen­schaft­ler sehen uns auch in der Rolle, al­ter­na­ti­ve Ver­hal­tens­wei­sen ge­mein­sam mit den Bür­gern zu ent­wi­ckeln und auf­zu­zei­gen.

Ho­waldt: Heute stel­len viele Men­schen das auf Kon­sum aus­ge­rich­te­te Leben noch zu oft in den Vor­der­grund und das Nach­hal­ti­ge nur, wenn es eben noch rein­passt. Es gilt also, so­zia­le Prak­ti­ken zu ent­wi­ckeln, die uns bei­des er­mög­li­chen: ein reich­hal­ti­ges und gleich­zei­tig nach­hal­ti­ges Leben.

Das be­deu­tet es geht bei der En­er­gie­wen­de nicht nur um Spa­ren und Ver­zicht, son­dern auch um ein bes­se­res Leben?

Schult­ze: Genau: Es geht um einen Zu­ge­winn an Le­bens­qua­li­tät. Mehr Platz für Men­schen statt für Autos. Hö­he­re Luft­qua­li­tät. Aus­ge­bau­ter Öf­fent­li­cher Nah­ver­kehr. Mehr Grün und mehr Was­ser in den Städ­ten. Es gibt viele Qua­li­täts­vor­tei­le. Die soll­ten wir nut­zen – für ein gutes Leben.

Leucht­turm­pro­jek­te

Diese Pro­jek­te aus Nordrhein-​Westfalen zei­gen schon heute, wie die Trans­for­ma­ti­on des En­er­gie­sys­tem ge­mein­schaft­lich zum Er­folg wer­den kann.

Pan­ora­ma der En­er­gie­for­schung in Nordrhein-​Westfalen
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